Gutes Wetter vorausgesetzt, bringen Landwirte ihre Ernte in diesen Wochen sicher und ertragreich in das Silo oder zum Landhandel. Doch Ruhe kehrt damit auf dem Acker nicht ein: Auf dem Boden liegende Ausfallsamen und der im Boden ruhende Samenvorrat bereiten sich bereits auf die nächste Saison vor und konkurrieren mit der Folgekultur um Licht, Wasser und Nährstoffe.
Höchste Zeit also für die Stoppelbearbeitung. Sie ist nach der Ernte der entscheidende erste Schritt für eine unkrautfreie neue Kultur. Allerdings tritt dabei nicht immer der gewünschte Erfolg ein.
Wild- und Kulturpflanzen: die Dormanz macht den Unterschied
Woran das liegen kann, zeigt ein kurzer Blick in die Kulturgeschichte des Ackerbaus. Kulturpflanzen wurden auf eine möglichst frühe und gleiche Abreife sowie auch ein gleichmäßiges Auflaufen hin selektiert. Durch diese züchterische Bearbeitung haben sie ihre Samen- bzw. Keimruhe weitestgehend verloren. Diese auch Dormanz genannte Eigenschaft verhindert, dass die Pflanzen unter ungünstigen Umweltbedingungen keimen. Für eine reibungsfreie Ernte sollten die Pflanzen zudem möglichst gleichförmig sein.
Ungräser hingegen keimen und wachsen unvorhersehbarer. Sie reifen häufig über einen langen Zeitraum ab, sodass einige Ähren ihre Samen schon verloren haben, während sich andere gerade erst in der Blütephase befinden. Dies macht die Bekämpfung sehr schwer. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ackerfuchsschwanz. Zudem ist die Keimruhe bei Wildpflanzen in der Regel noch sehr ausgeprägt. Die Samen besitzen in diesem Zustand einen Wassergehalt von weniger als 12 Prozent, der Stoffwechsel ist auf ein Minimum reduziert, und die Samen sind widerstandsfähig gegenüber Hitze und Kälte. Wird der Samen bereits von der Mutterpflanze als ruhend abgeworfen, sprechen Biologen von primärer Dormanz. Eine sekundäre Dormanz wird durch ungünstige Umweltbedingungen ausgelöst, etwa weil Samen in tiefere Bodenschichten gelangen. Gebrochen wird die Dormanz je nach Pflanzenart durch Licht, Dunkelheit oder Kälte.
Ackerbauliche Maßnahmen
Gräser sind Lichtkeimer. Um das Auflaufen von Ungräsern zu fördern, sollte bei der Bodenbearbeitung mit Striegel oder Scheibenegge daher möglichst flach gearbeitet werden. Eine andere Möglichkeit, Gräsersamen in Schach zu halten, ist das Vergraben über den Pflug. Studien haben gezeigt, dass dabei beispielsweise bis zu 90 Prozent der Ackerfuchsschwanzsamen innerhalb von 5 Jahren im Boden verrotten und somit die sekundäre Dormanz nicht mehr gebrochen werden kann. Zwar besitzen die verbleibenden 10 Prozent aufgrund des für Ackerfuchsschwanz üblichen großen (keimfähigen) Samenvorrats im Boden immer noch ausreichend Potenzial für einen erneuten Befall; durch regelmäßiges tiefes Pflügen alle drei bis fünf Jahre kann aber ein deutlich positiver Effekt erzielt werden.
Solange sich noch eine konkurrenzfähige Kultur entwickeln kann, empfiehlt es sich, den Saattermin im Herbst möglichst lange hinauszuzögern. Dabei macht man sich den Umstand zunutze, dass die meisten Ungräser – so auch der Ackerfuchsschwanz – überwiegend Herbstkeimer sind. Aus diesem Grund lohnt es sich auch, vermehrt auf Sommerungen zu setzen. Hierbei sollte im Vorfeld jedoch geprüft werden, welche Wirkstoffe hinsichtlich der Zulassung und der flächenspezifischen Resistenzsituation noch zur Verfügung stehen und wie diese am besten in der Fruchtfolge eingesetzt werden.
Weitere wichtige Maßnahmen zur Minimierung der Unkrautpopulation sind eine höhere Saatdichte, die Wahl konkurrenzfähiger Sorten, der Einsatz von Zwischenfrüchten und Brachen. Letztere können den Samenvorrat des hartnäckigen Ackerfuchsschwanzes jährlich um bis zu 80 Prozent reduzieren. Allerdings gilt auch hier: Nach vier Jahren Brache sind bei einer Ausgangspopulation von 10.000 bis 20.000 Samen pro Quadratmeter rechnerisch noch immer 80 bis 160 Samen pro Quadratmeter und damit genug Samen übrig, um für einen erneuten Befall zu sorgen. Ausführliche Informationen zu den verschiedenen Maßnahmen finden Sie in unserem Blogbeitrag vom März 2021.
Harvest Weed Seed Control als Alternative?
Unkrautsamen werden häufig über den Mähdrescher verbreitet. Um dies zu verhindern, sind seit einigen Jahren sogenannte Harvest Weed Seed Control-Lösungen am Markt. Eine dieser Lösungen ist der „Seed Terminator“, den der australische Landwirt und Maschinenbauingenieur Nick Berry entwickelt hat. Das Gerät besteht aus zwei mehrstufigen Hochleistungs-Hammermühlen, die in das Heck des Mähdreschers integriert werden. Der gesamte „Siebabgang“ des Mähdreschers wird durch die Mühlen geleitet, wobei die noch vorhandenen Samen zerquetscht werden. Bis zu 98 Prozent der Samen sollen so keimunfähig gemacht werden.
Der Seed Terminator wird per Riemen angetrieben und benötigt bis zu 50 PS Mähdrescherleistung, was den Dieselverbrauch nach oben treibt. Eine weitere Begrenzung des Verfahrens ist, dass dabei natürlich nur Samen erwischt werden, die noch nicht ausgefallen sind. Wird witterungsbedingt erst spät geerntet, liegen beispielsweise die meisten Samen von Ackerfuchsschwanz, der eine sehr geringe Ährenfestigkeit besitzt, bereits auf dem Boden. Weidelgras hält die Samen fester und hat dadurch auch weniger Zeit für die Verbreitung. Aufgrund der höheren Samenfestigkeit ist der Seed Terminator auf Feldern mit Weidelgras wirkungsvoller als auf Feldern mit Ackerfuchsschwanzbefall. Das zeigt uns auch die Abbildung 1, die das Ausfallen von Ackerfuchsschwanzsamen auf verschiedenen Standorten in ganz Deutschland zeigt. Dabei haben wir über einen Zeitraum von vier Wochen bei einer zufällig ausgewählten Anzahl an Pflanzen den Anteil an bereits ausgefallenen Samen pro Pflanze ermittelt. Die Daten zeigen, dass die Samen über einen längeren Zeitraum ausfallen und bis zum Erntetermin größtenteils bereits ausgefallen sind. Dadurch sind sie nur schwer mit Verfahren wie dem Seed Terminator zu erfassen.

Eingesetzt wird er bisher vor allem in den USA und in Australien, in Deutschland arbeiten bisher nur einzelne Betriebe mit dem Gerät. Ob sich das Verfahren auch bei uns durchsetzen wird, wird die Zukunft zeigen, da der intensivere Ackerbau in Mitteleuropa mit höheren Korn- und Stroherträgen eine andere Situation darstellt.
Fazit
Durch die ausgeprägte Keimruhe der Unkrautsamen ist eine Stoppelbearbeitung häufig schwierig. Anders als Getreide keimen Ungräser sehr unterschiedlich (siehe auch Blogbeitrag vom März 2023). Je näher der Zeitpunkt für die Aussaat der Ackerfrucht rückt, desto höher sind die Keimraten. Landwirte können das Auflaufen vor der Herbstaussaat noch einmal deutlich fördern, indem sie ein falsches Saatbett anlegen und die auflaufenden Unkräuter dann (mechanisch oder chemisch) bekämpfen. Da die Keimruhe jedes Jahr anders ausgeprägt sein kann, ist eine pauschale Vorhersage des Auflaufens kaum möglich. Eigene Tests mit selbst gesammeltem Saatgut in Blumentöpfen können aber wertvolle Anhaltspunkte für die richtige Terminierung der Maßnahmen geben. Grundsätzlich empfiehlt es sich jedoch, die Samen nicht zu tief in den Boden einzubringen, um ein Auflaufen vor der Aussaat möglichst vieler Samen zu ermöglichen.


Hallo,
in den letzten 10 Jahren ist der Zwischenfruchtanbau auch im Norden mehr geworden. Es werden immer die positiven Seiten des Zwischenfruchtanbaus (Bodenfruchtbarkeit etc.) hervorgehoben. Hinsichtlich der Reduktion des Samenpotenzials AF stellt sich mir die Frage, ob es nicht besser wäre möglichst häufig bis zur Aussaat eine Bodenbearbeitung vorzunehmen um das Samenpotenzial damit zu reduzieren. Gibt es bei Ihnen Erkenntnisse, wie der Zwischenfruchtanbau (nur einmal Bodenbearbeitung, Zersetzung von Samen) im Vergleich zu mehrmaliger Bodenbearbeitung hinsichtlich Samenreduzierung einzuordnen ist?
Hallo Herr Lührs,
ums sind derzeit keine Daten einer direkten Gegenüberstellung bekannt. Das grundlegende Problem ist dabei auch nicht das gewählte System, sondern ob der Ackeruchsschwanzsamen überhaupt zum Zeitpunkt der Bodenbearbeitung in Keimstimmung ist oder noch dormant, also sich in der Keimruhe befindet. Das hat Frau Landschreiber u.a. in der Broschüre “Feldhygiene” ab S. 39 beschrieben (LINK). Vermutlich wird gegen den Ackerfuchsschwanz eine zu häufige und zu tiefe Bodenbearbeitung durchgeführt. Aus Dänemark gibt es beispielsweise Daten, die das Liegenlassen der Samen auf der Stoppel positiv bewerten. Allerdings wirkt sich das Abdecken durch Stroh hierbei negativ aus. Es wird also auf diese Frage keine pauschale Antwort geben, sondern das ganze muss situativ entschieden werden.