In wenigen Wochen beginnt die Getreideernte. Wer auf seinen Feldern jetzt Unkrautnester vorfindet, fragt sich, welchen Handlungsspielraum er noch hat, um das Problem einzudämmen. Eine wichtige Maßnahme ist das Samenmanagement. Hierfür ist es allerdings wichtig, die Biologie der wichtigsten Ungräser zu kennen.

Ackerfuchsschwanz (Alopecurus myosuroides) ist nicht nur wegen seiner zunehmenden Resistenz gegen Wirkstoffe des chemischen Pflanzenschutzes ein Problem im Ackerbau, sondern auch wegen seiner Biologie. Die Samen fallen leicht aus der Ähre und verbreiten sich über den Wind. Dabei können sie schnell kleinste Lücken im Bestand ausfüllen. Die Pflanze bildet neben den Basistrieben kurz über dem Boden ein dichtes Bestockungsmuster selbst aus oberirdischen Halmknoten aus. Jede einzelne Pflanze kann auf diese Weise  mehrere Dutzend Ähren und mehrere Tausend Samen bilden. Geraten die Samen durch die Bodenbearbeitung in die Dunkelheit tieferer Bodenschichten, überwintern sie dort mehrere  Jahre und keimen später bei günstigeren Bedingungen. Ziel des Unkrautmanagements muss es daher sein, den Samenvorrat im Boden möglichst gering zu halten, das Keimen vorhandener Samen zu unterbinden und ein Verschleppen von Samen, beispielsweise durch Erntemaschinen, zu verhindern.

Mulchen: auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an

Wenn alle bisherigen Maßnahmen nicht gewirkt haben und nesterweise starker Ungrasbefall vorliegt, ist eine letzte Möglichkeit die entsprechenden Ecken zu mulchen, um eine weitere Ausbreitung der Samen zu verhindern. Um hier den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, ist es nötig zu wissen, wann die Gräser blühen und wann die Ungrassamen reif sind. Die Blüte- und Reifezeiten der wichtigsten Ackerungräser und der optimale Zeitpunkt für das Mulchen sind in der folgenden Tabelle aufgeführt.

Beim Mulchen muss berücksichtigt werden, dass Ungräser nicht wie Getreide auf ein gleichmäßiges Abreifen gezüchtet wurden und sich die Ähren an den Haupt- und Nebentrieben oft in unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden. So kommt es beispielsweise bei Ackerfuchsschwanz häufig vor, dass Pflanzen mit Ähren im Bestand sind, deren Samen bereits komplett ausgefallen sind, während andere Ähren noch blühen. Zudem gibt es bei Ungräsern innerhalb einer Population eine große genetische Varianz, weshalb die in der Tabelle dargestellten Angaben zur Blütezeit und Abreife grobe Werte darstellen. Generell empfiehlt es sich, zu Beginn der Blüte zu mulchen. Bei sehr frühem Mulchen könnte ein Stoppelaustrieb innerhalb von vier bis sechs Wochen zu einer zweiten Samenproduktion führen. Der letztmögliche Termin ist die Teigreife (bei Ackerfuchsschwanz zwei Wochen nach der Blüte), da die Samen sonst schon keimfähig sind. Bei späteren Terminen müssen die Pflanzen und mit ihnen auch die Samen abgefahren werden.

Mechanischer Unkrautsammler im Test

Ein anderes mechanisches Verfahren zur späten Kontrolle von Ungräsern und zur Unterbindung der Samenverbreitung hat das Landtechnikunternehmen Zürn Harvesting aus dem württembergischen Hohenlohekreis zusammen mit einem französischen Landwirt entwickelt. Der „Top Cut Collect“ (TCC) basiert auf einem Doppelmesser-Schneidwerk, das die Ungräser oberhalb des Feldbestandes vor dem Ährenschieben abschneidet und mit einem Förderband in einen seitlichen Sammelbunker transportiert. Eine spezielle Haspel soll für einen schonenden Transport sorgen, sodass Ausfallsamen vermieden werden. Über Versuche mit dem Gerät hat Pflanzenschutzexpertin Dr. Lena Ulber vom Julius Kühn-Institut auf der diesjährigen Unkrauttagung in Braunschweig referiert. In den Versuchen wurden Weidelgras und Ackerfuchsschwanz in Winterweizenbeständen zu Beginn des Ährenschiebens in verschiedenen Höhen geschnitten. Je tiefer der Schnitt, desto mehr Ähren wurden entfernt – maximal waren es 84 Prozent des Gesamt-Ährengewichts. Insgesamt war die Behandlung bei Weidelgras effektiver, da hier aufgrund der Halmlänge in der Regel mehr Ähren über dem Getreidebestand stehen als bei Ackerfuchsschwanz. Bei Letzterem zeigten sich wenige Wochen nach dem Schnitt wieder neue Ähren über dem Bestand. Das JKI plant zukünftig noch weitere Versuche zu Ungras-Schneidverfahren wie dem TCC.

Samenverbreitung über Gärreste – ein Problem?

Zum Thema „Samenmanagement“ gehört auch die Frage, ob Unkrautsamen bei der anaeroben Vergärung in einer Biogasanlage keimfähig bleiben und damit bei einer späteren Ausbringung der Gärreste auf den Feldern Schaden anrichten können. In verschiedenen Studien wurden hierfür unterschiedliche Bedingungen im Fermenter getestet. Prinzipiell kann die Keimfähigkeit von Samen thermisch, biologisch oder chemisch ausgeschaltet werden. In den Versuchen zeigte sich, dass eine längere Verweildauer im Biogas-Fermenter die Keimfähigkeit der Unkrautsamen herabsetzt. Samen mit einer weicheren Schale wie die von Ackerfuchsschwanz werden leichter inaktiviert als die hartschaligen Samen typischer Maisunkräuter wie Amaranth, Knöterich oder Gänsefuß. Samen von Pflanzen, die sich über den Verdauungstrakt von Tieren verbreiten – ein Vorgang, der „Endochorie“ genannt wird –, sind auch im Biogasfermenter unempfindlicher. Dabei gilt: Je länger der Samen im Verdauungstrakt verweilt, desto eher wird er inaktiviert. Die Vorbehandlung des Substrates, etwa durch Silierung, verkürzt die Keimfähigkeit ebenfalls. Grundsätzlich ist das Risiko, keimfähige Samen über Gärreste aus der Biogasanlage zu verbreiten, deutlich geringer einzuschätzen als das Risiko einer Verschleppung über Erntemaschinen oder Bodenbearbeitungsgeräte.

Nice to Know: Mutterkorn im Ackerfuchsschwanz

Dass wir Ackerfuchsschwanz und andere Ungräser gut unter Kontrolle haben sollten, liegt neben den Ertragsminderungen und der Resistenzgefahr zusätzlich auch an phytosanitären Gründen. Ackerfuchsschwanz blüht wie Roggen und Trespe offen ab und wird daher häufig vom Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) befallen, vor allem bei feuchter und wärmerer Witterung. Für die hochgiftige Dauerform des Pilzes ist das Ungras mittlerweile zu einer attraktiven Wirtspflanze geworden – und damit zu einer Quelle für Sekundärinfektionen des Getreides. Landwirte finden auf den Ähren von Ackerfuchsschwanz die typischen schwarzbraunen, hornartigen Zapfen (siehe Foto). Nach der Blüteninfektion bilden sich gelbliche, klebrige Tröpfchen aus Konidienschleim. Mit jeder Infektion werden  weitere Konidien gebildet, die im Boden überdauern. Ein weiterer Grund, das Ungras fest im Blick zu behalten.

Mit Mutterkorn befallener Ackerfuchsschwanz.

Ein Kommentar

  1. Danke sehr lesenswerter informativer Artikel. Mutterkornverbreitung bei AFS kannte ich bisher noch nicht!
    Gruß Karlfried Herrmann

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